Bund Naturschutz in Bayern e.V.
Ortsgruppe Dietfurt
Marlene Gmelch-Werner, Angeliki Gleixner, Karlheinz Egert, Stephanie Weiß
Industriestr.10, 92345 Dietfurt
An TenneT TSO GmbH
Bernecker Straße 70
95448 Bayreuth


Stellungnahme des Bund Naturschutz in Bayern e.V.
Ortsgruppe Dietfurt
zum geplanten Verlauf der Jura-Leitung P53


Die allgemeine Haltung des BN Bayern ist, vor dem gigantischen Ausbau der bestehenden Stromleitungen zukunftsfähige und nachhaltige Alternativen zum geplanten bundesweiten Netzausbau für Hochspannungs-Übertragungsleitungen zu prüfen, wie es in gültigen EU-Richtlinien gefordert wird.
Dieser schließen wir uns voll an.
Nur wenn tatsächlich fachspezifisch belegbar durch dezentrale Versorgungsvarianten und moderne, bereits bekannte oder noch zu entwickelnde Speichertechnologien keine Versorgungssicherheit möglich ist, besteht der Bedarf des vorgestellten Ausbaus in unserer direkt betroffenen Heimat.
Dennoch nehmen wir aber zu den Planungsunterlagen in unserer Gemeinde Stellung, um mit unseren lokalen Kenntnissen der naturräumlichen Gegebenheiten an einer Schadensminimierung mitzuarbeiten, wenn die bisher noch sehr ungenaue Planung, die in großen Bereichen vielfache Interessenkonflikte birgt, dennoch umgesetzt werden sollte.
Variante Ost A = 1, Variante Ost B = 2, Variante West = 3

  1. Eingriffe in wertvolle Naturräume
  2. Gesundheit der Bevölkerung
  3. Fazit

    zu 1. Eingriffe in wertvolle Naturräume
    Vergleich der drei Trassenvarianten bezüglich der Belastungen von Natur, Umwelt und Landschaftsbild
    Die drei Varianten betreffen in beinahe gleichen Ausmaßen die wertvollen und relativ unbelasteten Naturräume, vor allem
    – die zusammenhängenden, noch stabilen Wälder
    -die heckenreichen, strukturierten Hänge und Ackerflächen
    mit artenreichen Säumen
    – Zahlreiche Biotope und Schutzgebiete wie beispielsweise Vogelschutzgebiete und FFH-Gebiete
    Jedoch gilt zum aktuellen Planungsstand die Trassenvariante 3 in ihrem Verlauf als die am kritischsten zu bewertende Alternative. Diese kreuzt und tangiert zwar in ähnlichem Ausmaß empfindliche Lebensräume wie die anderen zu prüfenden Trassenvarianten, doch ist dieses Gebiet aktuell deutlich weniger durch bereits bestehende Bauwerke und Straßen vorbelastet. Allein diese Tatsache führt zu dem Schluss, dass unter anderem auch störungsempfindlichere Arten vorzugsweise dieses Gebiet nutzen. In diesem Sinne ist auch dem Kollisionsrisiko mit Vögeln besondere Aufmerksamkeit zu schenken.
    Bezüglich des Landschaftsbildes ist in einem touristisch geprägten Gebiet wie dem Altmühltal planerisch besondere Vorsicht angebracht, weshalb die Trassenvariante 3 als am wenigsten verträglich erscheint.
    Problematisch gestaltet sich auch der Planungsverlauf der Varianten 1 und 2 nach der Überquerung der Altmühl zwischen Dietfurt und Töging. Die Trasse würde hier direkt über einen Kalkfelsen führen: Der “Ludwigsfelsen” ist neben der ökologischen Bedeutung auch als Aussichtspunkt an einem beliebten Wanderweg sowohl für den Tourismus, als auch die Bevölkerung besonders wertvoll.
    Da nach vorliegenden Planungsunterlagen jedoch nicht erkennbar ist, wie genau die betroffenen Flächen durch die Anlage selbst, sowie auch durch die Inbetriebnahme beeinträchtigt werden, ist eine weitergehende und abschließend bewertende Aussage hierzu zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht möglich.
    Es ergeben sich daraus einige essentielle Fragen, welche im weiteren Planungsverlauf zwingend geklärt und mit den natürlichen Gegebenheiten und Schutzgütern abgestimmt werden müssen.

    Diese Fragen stellen sich unter anderem:
    Werden die überspannten Wälder gerodet oder
    ist eine waldüberspannende Ausführung der Hochspannungsleitung möglich?
    Wie breit wären die nötigen Korridore im Falle einer Rodung?
    Welche tatsächlichen Zahlen in Hektar sind betroffen?
    Welcher Flächenbedarf entsteht etwa durch Zufahrtswege darüber hinaus?
    Werden bleibende Wege für die Instandhaltung der Masten entstehen und
    wo verlaufen diese?
    Welche zusätzlichen, temporären Flächeninanspruchnahmen fallen durch Bauwege,
    Lagerflächen, usw. während der Bauphase an und
    wo sind diese räumlich angedacht?
    Wie hoch müssen die Masthöhen werden und
    in welchen Höhen befinden sich die Kabel?
    Wie viele Masten werden gebaut?
    Wo genau und welcher Flächenbedarf fällt jeweils und insgesamt für diese an?
    zu 2. Gesundheit der Bevölkerung
    Die bestehende Leitung berührt im Dietfurter Bereich zahlreiche Wohnbebauungen aus unserer Sicht zu nahe. Insgesamt leben 3605 Einwohner des Gemeindebereiches Dietfurts weniger als 600 m an der bestehenden Leitung (Datenstand Ende 2018). Teile des Stadtgebietes von Dietfurt, sowie Mallerstetten und Zell haben sogar weniger als 50 m Abstand zur Bestandsleitung.
    Ortsteil
    Einwohnerzahl
    Mallerstetten
    114
    Dietfurt
    2948
    Griesstetten
    43
    Hallenhausen
    32
    Arnsdorf
    107
    Zell
    361
    Insgesamt
    3605
    Gesundheitliche Beeinträchtigungen sind dabei in der Vergangenheit von Seiten der Behörden nicht beachtet worden. Wenn es auch statistisch lokal kaum möglich ist, mit den aufgetretenen Krankheiten bis hin zu Todesfällen zweifelsfreie Aussagen zu machen, kann daraus jedoch keinesfalls auf eine Nichtbelastung geschlossen werden.
    Leider wurde über viele Jahrzehnte und unabhängig von den Regierungen weder im Bund noch im Land versäumt, relevante Statistiken zu gesundheitlichen Auswirkun-gen der Überlandleitungen in Siedlungsnähe, zu erheben und zu bewerten. Eine Einhaltung von geltenden Grenzwerten, die nach veralteten Methoden einmal aufer-legt worden sind, reichen nicht zu einer abschließenden Entwarnung.

    Vergleich der drei Trassenvarianten in der Planung bezüglich
    der gesundheitlichen Belastungen der Bevölkerung
    Bei den derzeitigen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten in europäischen Fachkreisen bezüglich der sichersten Grenzwerte zur Minimierung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen, ob nun 100 oder 0,1 μTesla mit Durchschnittswerten oder höchstzulässigen Werten, besteht doch die eindeutig sicherste Möglichkeit der Risikominimierung darin, den Abstand von jeder Besiedlung so groß wie möglich zu wählen. Die Forderung des Bund Naturschutz in Bayern ist ein Mindestabstand von 600 Metern zu jeder Wohnbebauung.
    Trasse 1 und 2 sind eindeutig am häufigsten in Siedlungsnähe, sowohl was die Anzahl der Bewohner, als auch die Leitungslänge, betrifft. Die Bewohner bewegen sich ja auch in ihrer Umgebung, etwa im Garten und auf Wegen. Somit ist die Expositionsdauer und Intensität hier wesentlich höher, als bei Trasse 3.
    Die Gesamteinwohnerzahl der Gemeinde Dietfurt, die in einen Abstand von bis zu 600 m von der Trasse 1 und 2 leben, liegt bei 4554 (Datenstand Ende 2018).
    Ortsteil
    Einwohnerzahl
    Stetterhof
    29
    Mallerstetten
    114
    Ottmaring
    257
    Töging
    1163
    Dietfurt
    2948
    Griesstetten
    43
    Insgesamt
    4554
    Im Dietfurter Gebiet fällt bei der Trasse 3 nur Pfennighof auf der Hochfläche des Arzberges knapp in die 400 m Zone, also deutlich unter den vom Bund Naturschutz geforderten Mindestabstand von 600 m. Hier beträgt die Einwohnerzahl etwa 5.
    In der Gemeinde Beilngries würde der Ortsteil Kottingwörth mit 452 Einwohnern ebenfalls weniger als 600 m von der Trasse 3 entfernt sein.
    Das bedeutet für unseren Dietfurter Gemeindebereich ebenso wie den benachbarten Beilngrieser Bereich, dass die westliche Trasse, Variante 3, die Gesundheit der Bevölkerung am wenigsten belastet. Hier sind insgesamt deutlich weniger Menschen betroffen – im Vergleich zum gegenwärtigen Zustand, als auch zu den Varianten 1 und 2.
    Verluste in Landschaftsbild, Erholungswert, Tourismus und Ästhetik, sowie viele wei-tere Betrachtungskriterien müssen im Zuge einer genaueren Planungsgrundlage er-örtert, bewertet oder durch Ausgleichsleistungen minimiert werden.

    zu 3. Fazit
    Aufgrund der momentanen Datenlage, den offenen Fragen sowie der Ungewissheit bezüglich der Belastung der Bevölkerung ist ein abschließendes Fazit zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich.
    Verluste an hier vorkommenden Tier- und Pflanzenarten, Biotopen und am Landschaftsbild, Erholungswert, Tourismus und Ästhetik sowie viele weitere Betrachtungskriterien müssen im Zuge einer genaueren, ökologisch bestmöglich verträglichen Planungsgrundlage erörtert, bewertet und durch geeignete Ausgleichsleistungen minimiert werden.
    Die momentan abschätzbaren negativen Folgen für die Natur bei den drei Varianten scheinen sich nicht deutlich zu unterscheiden. Eindeutig sind jedoch die höheren Belastungen der menschlichen Wohnbereiche in Variante 1 und 2.
    Beeinträchtigungen der o. g. Schutzgüter müssen durch entsprechende Vermeidungs- und Minimierungsmaßnahmen modifiziert und somit abgeschwächt werden.
    Es zeichnet sich zum aktuellen Zeitpunkt die Trassenvariante 3 trotz erheblicher Bedenken als die verträglichste Variante ab.